Trainingstechnologie & Erfahrung im Triathlon
Zwei Welten – eine Zukunft
Was moderne Trainingstechnologie von fast 40 Jahren Erfahrung im Triathlon lernen kann

Heute hat praktisch jeder ambitionierte Athlet Zugang zu Trainingstechnologie, von der wir vor 35 oder 40 Jahren nur träumen konnten.
Trainingscomputer erfassen unzählige Werte. Leistungsmesser am Fahrrad gehören fast schon zum Standard. Es gibt hervorragende Smarttrainer, Laufbänder, Laktatmessgeräte, HRV-Auswertungen, Schlafanalysen und jede Menge weitere Gadgets.
Und das alles zu erstaunlich günstigen Preisen.
Gut, „günstig“ ist relativ. Aber verglichen mit dem Aufwand und den Kosten vor 40 Jahren ist vieles heute für fast jeden verfügbar.
Das Interessante daran: Einen großen Teil dieser Technologie gab es damals bereits. Nur eben nicht für jeden. Sie stand hauptsächlich Spitzensportlern, Olympiastützpunkten und Forschungsinstituten zur Verfügung – und auch dort nicht rund um die Uhr.
Heute tragen wir einiges davon am Handgelenk.
Aber haben wir dadurch automatisch besseres Training?
Nicht unbedingt.
Messen ist nicht dasselbe wie verstehen
Ausdauer braucht Zeit.
Damit meine ich nicht Wochen oder Monate, sondern Jahre.
Und genau deshalb haben wir eigentlich keine Eile.
Wer versucht, diesen Prozess mit Gewalt zu beschleunigen, bezahlt irgendwann häufig dafür: mit Überlastung, Verletzungen, fehlender Motivation oder schlicht mit Langeweile, weil bereits in den ersten ein oder zwei Jahren alles ausprobiert wurde.
Gleichzeitig werden wir heute permanent mit Trainingsinformationen bombardiert.
Wir sehen, was Profis trainieren. Wir sehen Amateurathleten, die beinahe wie Profis leben und trainieren. Wir kennen ihre Wattwerte, Laufintervalle, Schwimmeinheiten und teilweise sogar ihre Blutwerte.
Aber die entscheidende Frage lautet:
Ist diese Information gerade für dich richtig?
Ein Anfänger braucht ein anderes Training als ein Athlet mit zehn Jahren Erfahrung.
Ein 25-Jähriger reagiert nicht immer genauso wie ein 60-Jähriger.
Frauen und Männer sind nicht identisch.
Und selbst zwei gleich alte Athleten mit demselben Ziel können völlig unterschiedliche Wege brauchen.
Das klingt selbstverständlich.
In der Praxis vergessen wir es erstaunlich oft.
Mein erstes Radrennen
Als ich mit Triathlon angefangen habe, bin ich relativ schnell auch Radrennen gefahren.
Bei einem meiner ersten Rennen fuhr plötzlich ein erfahrener Fahrer neben mich und sagte:
„Ich gebe dir nachher einen Kaffee aus, wenn du verdammt noch mal geradeaus fahren kannst.“
Ich fuhr offenbar ständig leichte Schlangenlinien und war im Feld ein ziemlicher Störfaktor.
Der Kommentar hat mich damals ordentlich gewurmt. Gleichzeitig hat er mir offenbar noch eine zusätzliche Portion Energie gegeben – denn ich konnte das Rennen sogar gewinnen.
Den Kaffee bekam ich trotzdem.
Viel wichtiger war aber die Erfahrung.
Es hatte mir vorher einfach niemand erklärt, dass schnelles Radfahren nicht nur bedeutet, kräftig in die Pedale zu treten.
Im Feld fahren, Linie halten, Kurven fahren, Wind lesen, reagieren – all das muss man lernen.
Kein Leistungsmesser hätte mir das beigebracht.
Fünf Jahre, bis ich Kraulen wirklich verstanden hatte
Beim Schwimmen war es ähnlich.
Es hat bei mir ungefähr fünf Jahre gedauert, bis ich wirklich verstanden habe, wie Kraulschwimmen funktioniert.
Zu diesem Zeitpunkt war ich bereits Trainer und gleichzeitig noch als Profi aktiv.
Und ich bekam ständig Tipps.
„Du musst schneller ziehen.“
„Du musst länger gleiten.“
„Hoher Ellbogen!“
Gut – über oder unter Wasser?
„Früher atmen.“
„Dreierzug schwimmen.“
„Im Wettkampf niemals Dreierzug.“
„Große Paddles.“
„Kleine Paddles.“
„Füße zusammenbinden.“
„Mehr mit Neo schwimmen.“
„Ohne Neo schwimmen.“
Bla, bla, bla.
Und das Verrückte daran:
Fast alle hatten irgendwie recht.
Das Problem war nicht die Information.
Das Problem war zu verstehen, wie alles zusammengehört.
Welche Technik passt zu mir?
Was kann ich schon?
Was muss ich zuerst lernen?
Welche Übung hilft mir jetzt – und welche vielleicht erst in einem Jahr?
Genau das versuche ich heute auch in meinem Schwimmtraining und in meinen Kraul-Angeboten zu vermitteln: nicht einfach Übungen nachmachen, sondern verstehen, warum man etwas macht und was man damit erreichen möchte.
Information allein ist noch kein Wissen.
Und Wissen allein ist noch keine Erfahrung.
Was bringt eine Messung, wenn ich nichts damit anfangen kann?
Während meiner aktiven Zeit haben wir in Jyväskylä bei KIHU sehr aufwendige Lauftests gemacht.
Wir liefen auf einer 200-Meter-Indoorbahn mit mobiler Atemgasanalyse.
Gleichzeitig wurden wir mit mehreren Kameras aus verschiedenen Richtungen gefilmt.
Auf bestimmten Abschnitten liefen wir über Kontaktmatten. Damit konnte man unter anderem Bodenkontaktzeiten, Schrittfrequenz und Unterschiede zwischen dem linken und rechten Fuß analysieren.
Dazu kamen Geschwindigkeit, Laktatwerte und Atemgase.
Die Datenmenge war gewaltig.
Mein damaliger Coach sagte dazu sinngemäß etwas, das ich bis heute nicht vergessen habe:
Wenn du keine Trainingsmethode hast, mit der du verändern kannst, dass der linke Fuß drei Hundertstelsekunden länger am Boden bleibt als der rechte, dann ist diese Information für dein Training ziemlich wertlos.
Das ist für mich bis heute ein wichtiger Gedanke.
Wir können unglaublich viel messen.
Aber nicht alles, was wir messen können, müssen wir auch verändern.
Und nicht alles, was sich verändert, ist automatisch relevant.
Die richtige Information zum richtigen Zeitpunkt
Vielleicht ist genau das die größte Herausforderung unserer heutigen Trainingswelt.
Es fehlt uns nicht an Informationen.
Uns fehlt häufig die Einordnung.
Ein Profi kann eine bestimmte Einheit hervorragend vertragen, weil er seit 15 Jahren trainiert.
Ein Anfänger kopiert dieselbe Einheit und ist drei Tage müde.
Ein erfahrener Langdistanzathlet braucht vielleicht einen starken Trainingsreiz.
Bei einem Einsteiger würde derselbe Reiz möglicherweise nur unnötige Ermüdung erzeugen.
Deshalb ist gute Trainingssteuerung für mich nicht die Frage:
Was kann man alles machen?
Sondern:
Was braucht dieser Athlet genau jetzt?
Das ist auch der Kern meiner Arbeit als Trainer. Trainingsdaten, Tests und moderne Plattformen helfen enorm. Aber am Ende müssen sie in einen Zusammenhang gebracht werden: mit Trainingsalter, Alltag, Beruf, Familie, Erholung, Zielen und bisheriger Erfahrung.
Ad Extremum – Triathlon Coaching
Erfahrung lässt sich nicht komplett beschleunigen
Wer im Triathlon langfristig gut werden möchte, braucht Erfahrung.
- Trainingserfahrung.
- Wettkampferfahrung.
- Erfahrung im Schwimmen, auf dem Rad und beim Laufen.
- Und Erfahrung mit sich selbst.
Deshalb bin ich nach wie vor ein Freund davon, die Distanzen nicht zu schnell zu steigern.
Vielleicht zuerst Sprint.
Dann olympische Distanz.
Dann 70.3.
Und irgendwann die Langdistanz.
Das darf ruhig drei oder vier Jahre dauern. Du hast dadurch immer wieder ein neues Ziel. Dein Material entwickelt sich mit dir weiter. Deine Schwimmtechnik wird besser. Deine Radtechnik wird besser. Deine Laufökonomie verbessert sich. Du lernst, wie dein Körper auf Training reagiert. Und du lernst vor allem, was für dich funktioniert.
Ja, ich weiß:
Das ist ein bisschen die Old-fashioned-Variante.
Aber sie hat immer noch einige Vorteile.
Muss eine Langdistanz wirklich vier Jahre warten?
Natürlich nicht.
Du kannst heute auch als ersten Triathlon gleich eine Langdistanz wählen.
Mit vernünftiger Vorbereitung kannst du dort vermutlich sogar erfolgreich ins Ziel kommen.
Das ist überhaupt nicht mein Punkt.
Aber etwas fehlt dir dann möglicherweise trotzdem:
der Weg dorthin.
- Du hast nicht erlebt, wie es sich anfühlt, beim ersten Sprinttriathlon völlig hektisch durch die Wechselzone zu laufen.
- Du hast vielleicht nie erfahren, wie viel man bei einer olympischen Distanz über Rennhärte lernt.
- Du hast weniger Gelegenheiten gehabt, Fehler zu machen, sie zu verstehen und beim nächsten Wettkampf besser zu lösen.
Und genau diese kleinen Erfahrungen summieren sich irgendwann zu etwas, das kein Trainingscomputer messen kann: Routine.
Kann man Erfahrung abkürzen?
Ein Stück weit: ja.
Man kann nicht fünf oder zehn Trainingsjahre einfach ersetzen, aber man kann von den Erfahrungen anderer profitieren. Das ist letztlich eine der wichtigsten Aufgaben eines guten Trainers.
Nicht nur einen Trainingsplan schreiben, sondern dem Athleten helfen, einzuordnen:
- Was ist gerade wichtig?
- Was kann warten?
- Welche Daten sind relevant?
- Welche Einheit passt?
Und was der Profi auf Instagram gerade macht, kann man vielleicht interessiert anschauen – muss es aber noch lange nicht selbst trainieren.
Dadurch lassen sich durchaus ein oder zwei Jahre unnötiger Umwege vermeiden.
Nicht indem man Entwicklung überspringt.
Sondern indem man weniger falsche Abzweigungen nimmt.
Die Vorbereitung ist die Torte
Ich sage meinen Athleten schon seit vielen Jahren:
Die Vorbereitung ist die ganze Torte. Der Wettkampf ist nur die Kirsche oben drauf.
Vielleicht ist genau das der Punkt, den wir in unserer heutigen Hightech-Trainingswelt manchmal vergessen.
Technologie ist fantastisch. Ich nutze sie selbst und möchte nicht mehr darauf verzichten.
Leistungsmesser, Trainingsplattformen, Videoanalysen, Laktatmessungen oder andere Diagnostik können uns unglaublich viel zeigen.
Aber sie sollten uns helfen, bessere Entscheidungen zu treffen. Nicht dazu führen, dass wir jeden Wert sofort optimieren wollen, und sie ersetzen nicht die Erfahrungen, die man über Jahre im Training und Wettkampf sammelt.
Die Zukunft liegt für mich deshalb auch nicht darin, alte Trainingsmethoden gegen moderne Technologie auszuspielen.
Wir brauchen beides.
Die Möglichkeiten von heute.
Und die Erfahrung von gestern.
Zwei Welten – eine Zukunft
Vielleicht ist genau diese Kombination die spannendste Entwicklung im modernen Ausdauertraining.
- Wir können heute messen, was früher nur wenigen Spitzensportlern zugänglich war.
- Wir können Trainingsdaten innerhalb von Sekunden auswerten.
- Wir können Videos über Tausende Kilometer verschicken und Technik analysieren.
- Wir können einen Trainingsplan innerhalb weniger Minuten verändern.
Aber eine Frage bleibt dieselbe wie vor 40 Jahren:
Was hilft diesem Athleten genau jetzt dabei, besser zu werden?
Wer moderne Technologie mit Erfahrung, Geduld und gesundem Menschenverstand verbindet, hat heute Möglichkeiten, von denen wir früher tatsächlich nur träumen konnten.














